Zahlen ausschreiben oder als Ziffer?

Bei der Schreibung von Zahlen herrscht im Deutschen oft eine große Verunsicherung. Muss man Zahlen in einem Text ausschreiben oder darf man dafür die arabischen Ziffern nutzen? Es halten sich dabei hartnäckig drei – sich widersprechende – Legenden:

Legende 1: Zahlen von 1 bis 12 schreibt man aus, ab der Dreizehn nimmt man Ziffern.

eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf, 13, 14, 15 ...

Legende 2: Die erste Zahl in einem Absatz schreibt man aus, danach nimmt man Ziffern.

Der Junge hatte zwei Bälle, 3 Knöpfe und 7 Murmeln.

Legende 3: Ausgeschriebene Zahlen und nichtausgeschriebene Zahlen mischt man nicht (wenn einmal ausgeschrieben, dann immer ausgeschrieben – oder umgekehrt).

15 Mädchen und 8 Jungen. Fünfzehn Mädchen und acht Jungen.
Theorien zur Legendenbildung

Woher kommt dieser weitverbreitete Irrglaube, die Schreibung von Zahlen wäre streng geregelt? Vor allem an Legende 1 und 2 könnte der Deutschunterricht schuld sein. Denken Sie mal zurück an Ihre eigene Schulzeit. Beim Diktateschreiben klang nach dem Nennen einer Zahl zwangsläufig gequält-fragendes Gestöhne „Müssen wir die ausschreiben...?“ durch den Klassenraum. Bei gewissenhaften Lehrkräften (oder wenn der Pauker vor der Deutschstunde im Lehrerzimmer gemobbt wurde) hieß es dann „Zahlen im Diktat immer ausschreiben! Wir machen Deutsch, kein Mathe!“; nette Lehrer hingegen begnügten sich „ausnahmsweise“ mit der Zahl als Ziffer – oder sagten: „Die erste Zahl ausschreiben, damit ich weiß, dass ihr’s könnt, die anderen dürft ihr als Zahl schreiben.“

Da die Schulzeit prägend ist, könnte so die Angewohnheit entstanden sein, auch später nun Zahlen immer auszuschreiben, um auf der sicheren Seite zu sein, obwohl man längst nicht mehr zur Schule geht. Legende Nr. 1 dürfte auch auf pragmatische Überlegungen zurückzuführen sein. Die Zahlen von 1 bis 12 lassen sich noch mit „vertretbarem Aufwand“ ausschreiben, ab der 13 werden die Wörter jedoch länger und unübersichtlicher, da aus mehreren Zahlwörtern gebildet. Es ist ein Tribut an die Lesefreundlichkeit, auf zu lange Zahlenbeschreibungen zu verzichten. Legende Nr. 3 hingegen kann nur von Mitmenschen stammen, die ohne Rücksicht auf Verluste die Form als wichtiger erachten als den Inhalt.

Die Wahrheit

Die Wahrheit ist: es gibt keine Regel, die einem vorschreibt, wann man Zahlen ausschreiben muss oder wann nicht. Ein Schreibender kann sich völlig frei entscheiden, ob er lieber Ziffern oder Buchstaben nutzt, um eine Zahl darzustellen, ohne irgendeine Rechtschreibregel zu verletzen. Und selbstverständlich kann man auch abwechselnd Ziffern und ausgeschriebene Zahlen verwenden.

Es ist eine reine Stilfrage, ob man besser eine Zahl ausschreibt oder nicht. Doch guter Stil lässt sich nicht in starre Regeln pressen, es kommt immer auf den genauen Sinn und Zweck eines Textes  an, was zu bevorzugen ist. Richtig ist jedoch, dass sich im Allgemeinen eine Konvention herausgebildet hat, wann man Zahlen ausschreibt. „Ungeschriebene Regel“ ist tatsächlich, die Zahlen von eins bis zwölf auszuschreiben und ab der 13 Ziffern zu verwenden (dies stellt gewissermaßen einen Kompromiss dar zwischen schön aussehenden Zahlwörtern bis zwölf und pragmatisch knapper Zifferndarstellung ab der Dreizehn). Die Null, die Zwanzig, Dreißig, Hundert, Tausend usw. gehören übrigens auch dazu und werden ausgeschrieben. Die Wurzeln dafür liegen in der Buchdruckerkunst, bei den Setzern vergangener Zeiten, die ebenfalls den Kompromiss zwischen einheitlichem Schriftbild und platzsparenden Zahlen suchten. Dieses „Gewohnheitsrecht“ bestimmt somit auch das Stilempfinden von Lesern maßgeblich. Die meisten Zeitungen und Zeitschriften arbeiten z.B. nach dieser Vorgabe, wodurch sich dieses Empfinden stets weiter verfestigt. Im akademischen Bereich, bei wissenschaftlichen Arbeiten, folgt man ebenfalls dieser Konvention.

Doch auch diese stille Übereinkunft gilt nicht stur für jedes Schriftstück. Es kommt immer auf den Einzelfall an, was mit Geschriebenem ausgedrückt werden soll. Bei der Frage, ob Zahlen auszuschreiben sind, geht es allein um die „Textsensibilität“. Oft ist es eine knappe Entscheidung, die Grenzen sind fließend.

Auf die Textart kommt es an

In literarischen Texten etwa wirken arabische Ziffern eher störend. In Romanen beispielsweise wird man daher kaum je eine nichtausgeschriebene Zahl finden. Ein guter Schriftsteller wird meist intuitiv „fünfzehn Uhr“ schreiben, nicht „15.00 Uhr“. Aber sogar hier gibt es Spielraum: wenn ein Autor etwa öfters präzise Zeitangaben ausdrücken möchte, wird er unter Umständen trotzdem „12:51“ schreiben, nicht „zwölf Uhr und einundfünfzig Minuten“. Auch Jahreszahlen sind dafür prädestiniert, trotz literarischer Ambitionen nicht ausgeschrieben zu werden.

... alle 46 verschwinden. ... Schild 2 ...
dichterische Freiheit: nichtausgeschriebene Zahlen in einem Roman

Ebenso, wie Ziffern in Romanen stören können, stören ausgeschriebene Zahlen dort, wo es auf schnelle, übersichtliche und exakte Erfassung von Zahlen und Daten ankommt. In einer wissenschaftlichen Arbeit sind ausgeschriebene Zahlen daher meist eher suboptimal, wenn z.B. Vergleiche gezogen werden müssen. Auch in Artikeln, Berichten oder Geschäftskorrespondenz sind arabische Ziffern vor allem dann angebracht, wenn es auf die Vergleichbarkeit von Zahlenmaterial ankommt. Wir erinnern uns – Sie sind nicht mehr im Deutschunterricht und müssen niemandem beweisen, dass Sie Zahlen ausschreiben können. Wenn es in Fließtexten gerade auf eine Zahl oder Anzahl ankommt, dann sollten deswegen auch Zahlen von 1 bis 12 mit Ziffern geschrieben werden. Wenn eine Zahl jedoch nur eine untergeordnete Bedeutung hat oder gar sprachliches Beiwerk ist, dann sollte man überlegen, ob man sich den Luxus des Ausschreibens erlaubt.

Denn es bleibt noch die Ästhetik als Kriterium. Ausgeschriebene Zahlen sehen in einem Fließtext schöner aus als Ziffern – hier muss man abwägen zwischen Nutzen und Erscheinungsbild. Es kommt wie immer genau auf die Art des Textes an und was mit diesem ausgedrückt werden soll. Nicht falsch, aber schlechter Stil kann es daher durchaus sein, wahllos mit Ziffern und Zahlen als Wörtern zu jonglieren (Legende 3). Doch natürlich kann es auch Situationen geben, in denen beide Varianten innerhalb eines Satzes angebracht sind:

Die zwei Brüder hielten sich 3 Vögel und 2 Hunde.

An dieser Stelle steht „zwei“ stellvertretend für „beiden“ und hat einen schwächeren Klang als die betonende „2“, die die Hunde exakt zählt.

Spezialfall: die 1

Wie oben gezeigt, kann auch die 1 in einem Fließtext durchaus berechtigt sein. Dabei kommt es aber oft zu einem Grammatikproblem, da die Ziffer 1, anders als das Zahlwort „eins“, nicht dekliniert werden kann. Denn „1“ bedeutet strenggenommen „eins“, nichts anderes. Wo eine Flexion (ein, eine) verlangt wird, kann „eins“ daher nicht präzise durch die Ziffer 1 ersetzt werden. Ziffern als Ersatz für den unbestimmten Artikel sind sowieso tabu („ein [=das] Männlein steht im Walde“). Was als grammatische Unschärfe in einer (tabellarischen) Aufzählung zugunsten der Übersichtlichkeit noch akzeptiert wird,

3 Vögel
2 Hunde
1 Katze

stellt in einem Satz somit – je nach Lesart – bestenfalls schlechten Stil, schlimmstenfalls einen Grammatikfehler dar:

Sie sahen 2 Hunde und 1 Katze.

Denn strenggenommen steht hier nicht eine Katze, sondern eins Katze. Zwar wird normalerweise kein Leser bei „1 Katze“ einen falschen Kasus wahrnehmen (da zusammengehörend wirkend); stilistisch gesehen bleibt es trotzdem verbesserungswürdig. In Texten sollte eine Eins abseits von Jahreszahlen oder Daten („er wurde 1 Jahr alt am 1.1.2011“) daher vermieden werden – auch dann, wenn die Betonung wie hier im Beispiel gleichermaßen auf beiden Zahlen liegen soll:

Sie sahen 2 Hunde und eine Katze.
Besonderheit: Zahlen und Zeichen

Ferner sollte man auch dieses beachten: Ein klarer Stilfehler ist es, Prozent- oder Währungszeichen gemeinsam mit ausgeschriebener Zahl zu verwenden:

1 Euro
ein Euro
1 €
ein €
Stilvoll!

In allen anderen Fällen (wenn Sie nicht zufällig an die oben beschriebene Konvention gebunden sind, weil Sie eine wissenschaftliche Arbeit verfassen oder Ihr Chefredakteur dies so vorschreibt) können Sie ganz allein entscheiden, welche Form Sie einer Zahl geben möchten – keine Rechtschreib- oder Grammatikregel verbietet Ihnen das Verwenden oder Nichtverwenden von Ziffern in Texten.

Versuchen Sie nicht, sture Regeln zu erkennen, sondern entscheiden Sie bei stilistischer/praktischer Betrachtung je nach Bedarf, ob eine ausgeschriebene Zahl sinnvoll ist oder nicht. Trauen Sie sich, auch die arabischen Zahlen bis 12 zu nutzen, wenn es Vorteile bringt. Schreiben Sie ebenso Zahlen auch ab 13 aus, wenn Sie es schöner finden.

12.01.2011; letzte Änderung am 12.09.2012